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Interview

"Provisionsberechnungen bei Versicherungsunternehmen sind nicht länger ein Performance-Killer"

Mehr als „nerdy Talk“– und betriebswirtschaftlich hoch relevant: Wie weniger Rechenschritte in einer veränderten Systemarchitektur für mehr operativen Speed sorgen, berichten Thomas Weber (Geschäftsführer IKOR Assurance) und Christopher Stich (Senior Consultant im Dock Assurance) im Interview.

Zu langsam, zu schwerfällig, zu viele Rechenschritte: Klassische ERP-Architekturen stoßen, etwa bei Provisionsberechnungen von Versicherern in SAP-Anwendungen, schnell an ihre Grenzen. Wie schafft die IT hier Abhilfe?

Thomas Weber: Versicherungsunternehmen, die jetzt auf sogenannte In-Memory-Architekturen und Core Data Services – kurz CDS – setzen, verlegen das ressourcenintensive Auslesen, Transformieren und Zurückspielen von Daten (am Beispiel der Vergütungsberechnung bzw. des SAP-Provisionsmoduls FS-ICM) direkt in den Arbeitsspeicher der SAP-HANA-Datenbank.

Das bedeutet …

Weber: … dass Provisionsberechnungen bei Versicherungsunternehmen nicht länger Performance-Killer sind: Stattdessen nehmen Versicherer bei ihren Prozessen Geschwindigkeit auf. Sie müssen in ihrer Software-Architektur weniger Transformationsschritte vornehmen. Bei Neuentwicklungen sind weniger Schritte zur Implementierung erforderlich.

Wie kann ich mir den Unterschied zwischen In-Memory-Architektur und Core Data Services vorstellen?

Christopher Stich: Damit Integration Services zwischen Datenhaltungsschicht und optionaler Anwendungsschicht – siehe Grafik – schnell auf die relevanten, aufbereiteten Daten der SAP-HANA-Datenbank zugreifen können, bauen Entwickler zunehmend häufig CDS-Views auf. Diese lesen die Daten direkt aus dem Arbeitsspeicher der In-Memory-Datenbank.

Prozessgrafik In-Memory-Architektur
Eine In-Memory-Architektur und Core Data Services (CDS) sind auch außerhalb von SAP-Systemen möglich

Weber: CDS suchen und transformieren Informationen direkt auf Datenbankebene und liefern diese im richtigen Format zurück. Die provisionsfallnahen Anwendungen finden nach dieser Logik abseits der Applikationsschicht statt – direkt in der SAP-HANA-Datenbank. Das beschleunigt die operative Geschwindigkeit.

Stich: Ein klassisches ERP-Konstrukt, das Berechnungen in der Applikationsschicht vornimmt, verlangsamt die Provisionsfallberechnung umgekehrt enorm. Vermittler erhalten insbesondere zyklische Informationen oft nicht schnell genug. Darunter fallen beispielsweise Monatsabschlüsse, die idealerweise schon am 1. des Folgemonats vorliegen sollten.

Weber: Genau das ist erfolgskritisch: Klassisch aufgebaute Systeme benötigen, um 20.000 Abschlüsse und Bestände zu erfassen und zu verarbeiten, teilweise bis zu 24 Stunden. Das ist zu langsam und außerdem schwierig zu organisieren: Die Vergütungsberechnung in Versicherungsunternehmen erfolgt täglich über mehrere Bestandssysteme. Das stellt die IT-Abteilung vor die schwierige Aufgabe, die Verarbeitungszeit so zu koordinieren, dass die Rechenleistung anderen Anfragen nicht in die Quere kommt.

Gibt es weitere Argumente, die klassische ERP-Architektur von Versicherungen auf In-Memory-Datenbanken umzubauen – und das unter Verwendung von HANA-CDS-Views?

Stich: Sicher. Über CDS-Views findet eine sogenannte Fuzzy Search Datensätze auch, wenn Sachbearbeiter einen ähnlich klingenden Kundennamen mit falscher Schreibweise eingeben – etwa Maier statt Meyer. Das ist mit einer fortschrittlichen Systemarchitektur mit SAP HANA deutlich effizienter zu stemmen.

Weber: Für die Benutzeroberfläche ist außerdem weniger Entwicklungsarbeit notwendig. Nicht zuletzt das erklärt den Trend, warum die Versicherungs-IT zunehmend auf Core-Data-Service-Views ausweicht, also auf die temporären Container im Arbeitsspeicher der Datenbank.

Wie systemagnostisch ist dieser Trend, da hier immer wieder von essenziellen Modulen der SAP-Welt die Rede ist?

Stich: Das wirklich Spannende an CDS-Views ist, dass sich damit auch Services außerhalb von SAP-Lösungen aufbauen lassen – etwa für die Benutzeroberfläche. Unter anderem müssen sich Mitarbeiter nicht mehr mit unübersichtlichen Interfaces herumschlagen, die den Sachbearbeitern die Nutzung erschweren.

Welches Beispiel lässt sich dafür heranziehen?

Weber: Eine bislang eher verbreitete SAP GUI (SAP Graphical User Interface) etwa nutzt die volle Bildschirmbreite nicht aus, weil die GUI eben nicht responsiv ist. Das bedeutet, dass sie sich nicht auf diverse Bildschirmgrößen, etwa von Tablets und Co., anpassen lässt.

Stich: Eine Fiori-App hingegen können wir auch außerhalb des SAP-Ökosystems einsetzen; sie ist responsiv: Sie fragt Daten ab, stellt Informationen am Frontend bildschirmfüllend und damit nutzerfreundlicher dar und zahlt so auf eine positive User Experience ein.

Vor welchen Aufgaben steht die Versicherungs-IT, die auf Komponenten wie SAP HANA und FS-ICM setzt, mittelfristig?

Stich: Zwar hat SAP seit der Einführung seiner HANA-Datenbank nichts am klassischen Prozess geändert. Dem Haftungsprozess eine eigene Logik zu verpassen, ist daher in die Verantwortung der Versicherer gerückt.

Weber: Viele Großversicherer, die beispielsweise ein FS-ICM-Modul für die Provisionsberechnung nutzen, setzen sich erst jetzt intensiver mit CDS-Views als technische Klammer auseinander. Dennoch ist es schwierig Fachkräfte zu finden, die auf Core Data Services spezialisiert sind.

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Über die Autoren

Thomas Weber ist Geschäftsführer von IKOR Assurance und Christopher Stich Senior Consultant im Dock Assurance bei IKOR. Als europaweit aufgestellte Technologieberatung, als Plattformintegrator und als Softwarehersteller digitalisiert IKOR in Hamburg die Geschäftsmodelle des Public Sectors und von Versicherern – unter anderem mit integrierten End-to-End-Prozessen und zukunftsfähigen Systemlandschaften. Zu den Kunden von IKOR gehören u.a. Allianz, Barmenia, Basler, Generali, IBSH, IFB, ISB, NBank, SAB, Signal-Iduna, VHV, WIBank und die Zurich Gruppe Deutschland.

Mehr Infos: https://www.ikor.de/sap-for-insurance.html

Ansprechpartner
Thomas Weber

Thomas Weber

Partner und Geschäftsführer IKOR Assurance GmbH
Tel. +49 (0)40 8 19 94 42-0

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Christopher Stich

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